Heute wird es abenteuerlich: Ich werde in der Area47 Canyoning oder irgendeine andere adrenalinlastige Sportart ausprobieren. Die Area47 ist der größte Outdoor-Freizeitpark Europas. Er befindet sich am Eingang des Ötztals und erstreckt sich über zehn Hektar. Ob Riesenrutsche, 27 Meter hoher Sprungturm, Hochseilgarten oder ein 320 Meter langer Flying Fox – hier dreht sich alles um Funsport. Ganze 35 verschiedene Sportarten kann man testen.

Doch auch wenn es hier viele Superlative gibt: Im Vergleich zum üblichen Freizeitpark mit Achterbahn & Co hat alles auch einen seriösen sportlichen Aspekt. So trainieren in der Area 47 regelmäßig auch Spitzensportler. Wie zum Beispiel die DSV-Skispringer, die auf der Wasserrampe im Sommer ihre Sprünge üben, oder die Red-Bull-Cliff-Diver, die am 27-Meter-Turm ihre spektakulären Klippensprünge testen.

Warum tue ich das überhaupt?

Noch überlege ich, welche Sportart ich ausprobieren soll. Im Lakeside-Restaurant des Freizeitparks rät mir Chris Schnöller, Geschäftsführer der Area 47 und begeisterter Outdoorsportler, zum Canyoning. „Du wirst es lieben“, versichert er mir, „die einsamen Schluchten, das Waten durchs Wasser, das Rutschen durch natürliche Felsspalten. So viel ursprüngliche Natur bekommst du sonst kaum zu sehen.“

Drei Sportler beim Canyoning in Tirol.

Unter Canyoning versteht man das Begehen einer Schlucht von oben nach unten in den unterschiedlichsten Varianten. Der Trendsport entstand in Frankreich. Durch Abseilen, Abklettern, Springen, Rutschen, Schwimmen oder manchmal sogar Tauchen bezwingt man die Natur. Und zwar im dicken Neoprenanzug, mit rutschfesten Schuhen, Helm und geeigneter Abseilausrüstung. „Außerdem ist der Adrenalinkick, wenn du aus solcher Höhe hinunterspringst, unglaublich“, schwärmt Chris. Dass für ihn „Adrenalinkick“ etwas anderes bedeutet als für mich, ahne ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht.

In den Ötzaler Alpen

Die Möglichkeit, die Ötztaler Alpen näher zu erkunden, jenseits der üblichen Wanderwege – das ist eine weitere Motivation. Also melde ich mich für eine zweistündige Canyoningtour an. Mit dem Auto fahren wir 30 Minuten hinauf in abgeschiedene Hochtäler. Dann halten wir am Rande eines Waldes, ziehen unsere Ausrüstung an – und los geht’s.

Freier Fall beim Canyoning

Ich stehe am Felsrand. Blicke erschrocken in die tiefe Schlucht. Und will nur noch zurück. Panik überkommt mich. „Da gehe ich nicht runter!“, sage ich mit weit aufgerissenen Augen. „Seit mehr als 20 Jahren mache ich diese Touren, nie ist etwas passiert“, beruhigt mich Chris und schiebt mich sanft vorwärts.

Ich drehe mich mit dem Rücken zum Abgrund, vorsichtig taste ich mich mit meinem rechten Fuß nach hinten. Schnell werfe ich einen Blick über die Schulter: Unter mir klafft der Abgrund. Zwölf Meter geht es in die Tiefe, neben mir tost das Wasser die steilen Felsen hinunter. Eigentlich wunderschön, aber aus dieser Perspektive einfach nur beängstigend. Ich soll an einem scheinbar dünnen Seil befestigt in die Tiefe gleiten. Freier Fall quasi – und so gar nicht mein Ding, eigentlich. Denn immerhin habe ich ein wenig Höhenangst. „Warum mache ich das hier eigentlich alles?“, schießt es mir durch den Kopf. „Das schaffst du schon“, sagt Chris grinsend.

Mann und Frau beim Canyoning in Tirol.

Wie Spider-Man die Wand hinab

Okay, Augen zu und durch. Ich lasse los und gleite wie Spider-Man senkrecht die Wand hinab. Meine Füße folgen dem Felsverlauf. Bis es nicht mehr weitergeht, zu steil und zu glitschig ist der Fels. Ich vertraue dem Seil und lasse mich langsam in die Tiefe fallen. Platsch – ich schlage auf dem Wasser auf, werde in die Tiefe gerissen. Eiskaltes, wildes Wasser sprudelt um mich herum. Ich finde Halt und tauche prustend wieder auf. Blicke nach oben, wo Chris fragend den Daumen in die Höhe hält. Alles okay? Ja, nicke ich und strahle über das ganze Gesicht. Tatsächlich, er hat recht: Es ist ein großartiges Gefühl, den Fels auf diese Art zu bezwingen. Und wo ist jetzt die nächste Klippe?

Text: Johanna Rüdiger

Bilder: Area47