Bäderarchitektur an der weißen Küste

Die drei Seeheilbäder Ahlbeck, Heringsdorf und Bansin sind bekannt als die „Kaiserbäder“. Hinreißend schön ist ihre Architektur. Auf einem Bummel gibt es viel zu entdecken.

Es fällt schwer, den Blick von der alten Seebrücke abzuwenden und nicht in die Ferne der Ostsee schweifen zu lassen, wo das Wasser an windstillen Tagen in kristallklaren Tönen erstrahlt. Das Meer rauscht ­entspannt und die Luft ist salzig. Wer tief einatmet, spürt diese innere Ruhe und Gelassenheit, die wohl inseltypisch ist. Die „Grande Dame“ in Ahlbeck hat schon viele verzückt. 1898 erbaut, ist die hochbetagte Seebrücke die älteste original erhaltene ihrer Art in Deutschland. Bis heute ist sie mit ihren vier markanten Ecktürmen am Brückenrestaurant das beliebteste Fotomotiv an Usedoms 42 Kilometer langem Strand. Und Filmerfahrung hat sie auch: In Loriots Kult-Komödie „Pappa ante portas“ ­wurde sie zum heimlichen Star.

Geschichtsträchtige Bäderpromenade

Doch es ist nicht nur die Seebrücke, die das Kaiserbad Ahlbeck zu etwas Besonderem macht. Die charakteristische Bäderarchitektur mit ihren weißen Villen in einzigartiger Pracht und Fülle prägt ­Ahlbeck ebenso wie ihre zwei kaiserlichen Schwesterbäder Heringsdorf und Bansin. Wer die Ahlbecker Seebrücke verlässt, gelangt zunächst zur historischen Uhr aus dem Jahr 1911 auf dem kleinen Brückenvorplatz und dann direkt auf die legendäre Promenade Usedoms. Diese zwölf Kilometer lange Strandpromenade verbindet die drei Kaiserbäder Ahlbeck, Heringsdorf und Bansin und das polnische Seebad Swinemünde. Sie ist die längste Promenade in Europa und führt durch Dünen, vorbei an feinster Bäder­architektur, die sich wie eine Kette entlang der weißen Küste reiht.

Eine Fahrt mit der Bäderbahn

Wer die Promenade nicht selbst entlang schlendern möchte, kann sich auch in die blau-weiße Bummelbahn setzen, die zwischen den drei Kaiserbädern verkehrt. In Heringsdorf angekommen, fühlt sich das Flanieren auf der Promenade wie ein Stück Wandeln auf deutscher Geschichte an. In dem ältesten Kaiserbad ist zu spüren, was wohlhabendes Bürgertum, Adel und Künstler einst als chic und erstrebenswert empfanden.
Es heißt, dass auch Kaiser-Wilhelm II gern auf ein Tässchen Tee in Heringsdorf einkehrte – am liebsten in die Villa Staudt zur reizenden ­Witwe des Konsuls Staudt. Natürlich sorgte das majestätische Teekränzchen stets für Aufregung und Klatsch im piek­feinen Kaiserbad.

Prunkvolle Bauten

Ob Balkone, Erker, Türmchen oder Balustraden: Manch einer wollte sich in Heringsdorf mit einem Märchenschloss verwirklichen – so viele verschnörkelte Zierelemente schmücken die prunkvollen Residenzen. Kulturhistorisch bedeutsam ist die gelbe Villa Oechsler an der Promenade, die im Giebel ein wundervolles Glasmosaik trägt. Von hier aus führt der Weg weiter in die Delbrückstraße. Kein Haus gleicht hier dem anderen.
Ungeniert haben sich die Architekten verschiedener ­Stilelemente aus der Renaissance, dem Barock, Klassizismus, der Gründerzeit und dem Jugendstil bedient. So entstand in kürzester Zeit eine Vielfalt an Villen ganz unterschiedlicher Baugattungen. Das Einzige, das alle Bauten vereint, ist die sich in den Häusern widerspiegelnde Protz- und Prunksucht ihrer Besitzer. Einst als Sommerresidenzen zum Ende des 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts erbaut, muten sie wie kleine Ableger der großen Stadthäuser aus Berliner Villenvierteln an. Die hellen Farben wurden gewählt, um einen Kontrast zum damals noch düsteren Grau der Großstadt zu schaffen.

Maxim Gorki war hier

Die imposante Villa Oppenheim in der Delbrückstraße 11 gehört zu den bekanntesten Beispielen für die Bäder­architektur. Der Künstler Lyonel Feininger wählte dieses 1883 entstandene Bauwerk einst als Lieblingsmotiv für seine Zeichnungen aus. Unvergleichlich ist auch ein Blick vom Heringsdorfer Hausberg Kulm über die Ostsee. Hell erstrahlt die Pyramide der 508 Meter langen und damit längsten Seebrücke Deutschlands in der Sonne.
Flanieren Sie weiter über die Maxim-Gorki-Straße, vorbei an der Villa Irmgard. Hier versuchte der Schriftsteller Maxim Gorki 1922, sein Lungenleiden bei gesunder Seeluft zu kurieren. Heute ist die Villa im neoklassizistischen Stil ein Heimat- und Literaturmuseum. Wer sich für die Gebrüder Mann, Theodor Fontane und Johann Strauß interessiert, die einst im ­mondänen Heringsdorf zu Gast waren, ­sollte einen Besuch einplanen.

Villen im Chalet-Stil

Die Promenade führt bis zum Kaiserbad Bansin, wo die prächtige Bergstraße hinter einer Anhöhe lockt. Fast möchte man meinen, ihre herrlichen Bauten buhlten um die Blicke der Betrachter. Während die Bäderarchitektur zumeist in Stein gebaut wurde, findet man in Bansin auch Holzvillen. Am östlichen Ende der Promenade, auf dem schmalen Landstreifen zwischen Ostsee und Schloonsee, entzücken dicht gedrängt zauberhafte Villen aus Holz im Chaletstil und in norwegischer Bauart mit ihren Balkonen und Veranden. Sie bieten Meerblick – auch in zweiter Reihe. Bansin lädt mit einem stetigen Blau im Auge und den zum Greifen nahen Schaumkronen des Meeres zum erholsamen Flanieren auf der Promenade ein. Oft rauscht im jüngsten der drei Kaiserbäder ein pfeifender Nordostwind durch Kronen und Kiefern, und die Dünen trotzen in wundersamen Verrenkungen den Stürmen des Meeres. Nirgendwo sonst gehen die Villen der Bäder­architektur eine so natürliche Symbiose mit der Ostsee ein wie hier. Dort, wo die letzten Häuser entlang der Promenade stehen, beginnt nach Nordwesten die Steilküste des Langenbergs mit seinem Buchenwald, von der man einen herrlichen Blick auf die Ostsee hat. Es ist der perfekte Ort, um einen eindrucksvollen Spaziergang zu beenden.

Auf einen Blick

Usedom Touristeninformation

Jedes Kaiserbad hat eine eigene Touristeninformation, jeweils in unmittelbarer Nähe der Seebrücke.

Kaiserbäderexpress

Die Bummelbahn verkehrt im 40-Minuten-Takt zwischen
Ahlbeck, Heringsdorf und Bansin. Tageskarte: 7,50 Euro

Usedomer Bäderbahn

Ab 1. Januar 2019 gibt es die KaiserbäderCard, ein Ticket für das gesamte Busstreckennetz der Usedomer Bäderbahn (UBB).

Veranstaltung

BuchKunst/ Kunsthalle Usedom
Vom 7. Dezember 2018 bis  28. Februar 2019 findet im Bahnhof Ahlbeck der größte Literatur- und Kunstmarkt auf Usedom statt.

Text: Antje Waldschmidt

Foto: Getty Images /Look