Das große Gelände des Museum für Raumfahrt im Norden Usedoms wirkt ein wenig geisterhaft. Zwischen Ruinen wuchern seit fast einem halben Jahrhundert Gras und Büsche. Die Natur holt sich ihr Terrain zurück. Denn bevor dieser Teil der Insel zum Raketentestgelände wurde, war Peenemünde ein Fischerdorf. Idyllisch eingebettet zwischen zwei Seen und dem Peenestrom, jenem Ostseearm, der die Insel vom Festland trennt. Bis zum Mauerfall war Usedoms Nordspitze militärisches Sperrgebiet. Danach wurde ein großer Teil des Geländes geöffnet. Dort, wo Ende der 1930er- bis Mitte der 1940er-Jahre die Heeresversuchsanstalt Peenemünde war, steht heute das Historisch-Technische Museum.

Eine der Hauptausstellungen dokumentiert die Entwicklung der ersten Rakete, die den Weltraum erreichte. Unter strengster Geheimhaltung und mit gewaltigem Aufwand entwickelten Forscher im Auftrag der Nationalsozialisten die Raketenwaffe „Aggregat 4“, (A4). Sie wurde später bekannt als „Vergeltungswaffe 2, (V2). Technisch war diese Rakete eine große Leistung. In den Händen der Nazis jedoch eine fatale Vernichtungswaffe. Sie forderte unzählige Opfer. Von der einstigen Forschungsanlage blieb nach Kriegsende das Steinkohlekraftwerk erhalten. Besucher können sich auch noch Turbinenhalle und Kesselhaus anschauen. Das ebenso monumentale wie funktionale Backsteingebäude zählt zu den Ankerpunkten der Europäischen Route der Industriekultur. Zusammen mit solch berühmten Bauwerken wie der Londoner Tower Bridge und dem Pariser Eiffelturm.

Opfer der Raumfahrt

Eine der beiden Hauptausstellungen erzählt die Geschichte der A4-Rakete. Die andere Ausstellung befasst sich mit ihrem Erbe. Sie lieferte sowohl die technische Basis für die Raumfahrt als auch für militärische Raketen. Und damit für das Wettrüsten während des Kalten Krieges. Zu sehen sind viele Originalteile der Raketen, historische Schriftstücke, Fotografien und Filme, die während der Raketentests gedreht wurden. Außerdem Pläne, Modelle, technische Instrumente sowie Dokumentarfilme und Interviews mit Zeitzeugen. Die Ausstellungen beschränken sich nicht auf die Darstellung der Ingenieursleistung. Ebenso viel Raum bekommen Opfer und Risiken dieser Technik. Die schließlich in erster Linie entwickelt wurde, um zu zerstören.

Auf dem Freigelände stehen viele Großexponate. Darunter auch ein 14 Meter hoher teilweise aus Originalteilen bestehender Nachbau der A4-Rakete. Das Museumsangebot wird ergänzt durch Konzerte, Theateraufführungen, Vorträge und Sonderausstellungen. Mit der Heeresversuchsanstalt endete einst der Traum vom Tourismus, denn die Dorfidylle war dahin. Heute kommen die Touristen wieder. Und zwischen den Seen ist es so idyllisch wie einst.

Historisch-Technisches Museum:

im Kraftwerk, 17449 Peenemünde,
Tel. 038371 / 50 50. im Sommer geöffnet 10–18 Uhr, im Winter bis 16 Uhr. Eintritt: 8 Euro, ermäßigt 5 Euro.
www.peenemuende.de