Walter Benjamin hatte den Stettiner Bahnhof einst so beschrieben. „(…) vor dem Eingang die Friedrichstraße, der Trubel der Großstadt, hinter dem Bahnsteig der Strand von Ahrenshoop, die Sommerfrische, der Müßiggang“. Denn wer etwas auf sich hielt, fuhr im Berlin der späten Kaiserjahre an die Ostsee.

Jenseits des Dekorativen

Die Eisenbahn schafft es längst nicht mehr bis auf den Darß. Stattdessen ist der alte Bahndamm heute ein beliebter Radweg. Doch ist Ahrenshoop die Badewanne Berlins geblieben. Trotzdem hat es hier wirklichen Massentourismus nie gegeben.

Denn Ahrenshoop hat vermieden, woran andere Künstlerkolonien gescheitert sind. Nach der Kunst kam hier nicht das Kunsthandwerk und bald danach das Kitschgewerbe. Die Galeristin Sabine Peters-Barenbrock spricht von einem „Humanismus“. Den hätte sich der Ort und seine Künstlergemeinschaft während der DDR-Zeit bewahrt.

Eben diese Atmosphäre war es, die die Braunschweigerin suchte. Längst hat sie ihre Galerieräume auf der Insel. „Es ist schön zu sehen, dass das Interesse an der Kunst ein wirkliches Interesse geblieben ist.“ Als Galeristin ist sie wohl kaum gekommen, um bloß Urlaubsstimmungen zu dekorieren.

Seebad der 20 000

Dennoch ist die Kunst hier fest mit der Natur verbunden. Weil der Darß urwüchsig geblieben ist. Eine Tatsache, die Ahrenshoop wohl einst zur Künstlerkolonie gemacht hat. Anfang der 1880er-Jahre entdeckten die Maler Carl Malchin und Anna Gerresheim das pommersche Fischerdorf. Denn es bot ihnen Motive des unverstellten, einfachen Lebens. Und das entsprach der Sehnsucht des späten 19. Jahrhunderts. Damals, als die Industrialisierung in vollem Gange war. Andererseits passt diese Sehnsucht auch ganz gut in die Gegenwart.

Auch auf Rügen findet man diese stillen Orte noch. Wenngleich Deutschlands größte Insel ein boomendes Reiseziel ist. Schließlich kommen jährlich sechs bis sieben Millionen Besucher. Eine Vielzahl von ihnen fährt dann mit dem „Rasenden Roland“ über die Insel. Auch die Geschichte der schmalspurigen Kleinbahn begann schon im Jahre 1895. Allerdings gab es früher gab es knapp 100 Kilometer Gleisstrecke. Heute fährt die Kleinbahn mit gemütlichen 30 Kilometern pro Stunde. Die Gesamtstrecke beträgt 24 Kilometer. Sie führt von Putbus über Binz, Sellin und Baabe nach Göhren.

Beeindruckend ist ein Besuch im „Seebad der 20 000“ im Binzer Ortsteil Prora. Der größte zusammenhängende Gebäudekomplex Deutschlands stammt aus der NS-Zeit. Er wurde letztlich nie vollendet. Viereinhalb Kilometer lang ist der „Koloss von Rügen“. Die NS-Organisation „Kraft durch Freude“ wollte hier eine gleichgeschaltete Sommerfrische für 20 000 Gäste inszenieren. Heute widmet sich ein Dokumentationszentrum dieser Geschichte sensibel und informativ. Neben der Dauerausstellung „MACHTUrlaub“ sind wechselnde Ausstellungen zu sehen.

Was für einen Kontrast bildet dazu das prachtvolle Zentrum von Binz. Mit seiner Promenade ist es das wohl schönste Seebad Rügens. Dabei war es bis Mitte des 19. Jahrhunderts noch ein Fischerdorf. Doch ab 1875 wurde das Baden im Meer populär. Und in die Sommerfrische zu fahren, war ein Vergnügen der Privilegierten und Mächtigen. Sie bauten sich hier um die Jahrhundertwende prächtige Villen.

Usedomer Literaturtage

Mit einer imposanten Bäderarchitektur in gleich drei Kaiserbädern kann auch Usedom aufwarten. Außerdem ist sie mit 2 104 Sonnenstunden die sonnenreichste Region Deutschlands.

Ähnlich wie Fischland-Darß hat auch Usedom etliche Künstler inspiriert. Und es ist auch zu einer literarischen Insel geworden. Hans-Werner Richter etwa wurde in Bansin geboren. Maxim Gorki verbrachte im Jahr 1922 einige Monate auf der Insel. Und die Usedomer Literaturtage sind fest im deutschen Literaturbetrieb verankert. Sie finden jedes Jahr Anfang April statt.

Ausflugsziel Neu Pudagla

So imposant die drei Usedomer Kaiserbäder auch sind. Ein Ausflug ins Hinterland der Insel ist jedem Besucher nur zu empfehlen. Denn rund um das Achterwasser kann man ein ganz anderes Gesicht der Insel erleben. Kleine Fischerdörfchen mit reetgedeckten Häusern, dazwischen viel Ruhe, Weite und Grün.

Auf dem Naturlehrpfad Wockninsee lernen Besucher viel über den Wildtier- und Baumbestand der Insel. „Vor allem findet man bei uns selbst in der Hochsaison immer ein ruhiges Plätzchen“, sagt Oberförster Felix Adolphi fröhlich. Mittlerweile ist das Forstamt Neu Pudagla ein beliebtes Ausflugsziel. Es hat sogar eine eigene Bäderbahnhaltestelle. Auf dem Hof ist ein Heimatmuseum samt Fledermausquartier untergebracht. Oder der Usedomer Gesteinsgarten, der sich direkt an den Hof anschließt. Zu bestaunen sind hier riesige Findlinge. Sie sind mit den Eiszeitgletschern nach Usedom gelangt. Zum Glück ist die Anreise für Touristen wesentlich leichter.

Text: Clemens Niedenthal, Cornelia Wolter

Mehr erfahren

Kunst

Kunstmuseum Ahrenshoop,
Weg zum Hohen Ufer 36, 18347 Ostseebad Ahrenshoop.
Di–So 10–17 Uhr, Eintritt: 8 Euro.

Galerie Peters-Barenbrock
Hafenweg 1, 18347 Ostseebad Ahrenshoop, Do–So 11–17 Uhr.

Erleben

Rasender Roland auf Rügen
Verschiedene Tickets sind erhältlich, eine Tageskarte kostet 20 Euro.

Prora auf Rügen
in der Gemeinde Binz, im Sommer tgl. 10–18 Uhr, Eintritt: 6 Euro.

Bäderarchitektur Usedom
Der Tourismusverband veranstaltet regelmäßig Rundgänge.

Usedomer Wald
Die Förster in Neu Pudagla bieten geführte Spaziergänge an.