Skandal am Strand – nicht in Ahrenshoop, sondern in Warnemünde. Zwei Männer posieren für ein Foto vor dem Hintergrund der stürmischen, gischtenden Ostsee und sind vollkommen nackt. Wir schreiben das Jahr 1907. Ein norwegischer Künstler ist verantwortlich für die Aufregung. Er nutzt das Foto nämlich als Vorlage für eines seiner Gemälde. Sein Name: Edvard Munch.

Er ist einer der vielen Künstler, die Anfang des 20. Jahrhunderts die Ostseeküste besuchten. Schließlich kamen damals Vertreter des Expressionismus wie Karl Schmidt-Rottluff oder Max Pechstein. Ebenso Impressionisten wie Lovis Corinth oder Max Liebermann. Und auch die bürgerschreckenden Dadaisten um Kurt Schwitters und George Grosz. Denn sie wollten Inspiration aber auch Zerstreuung finden.

Abgeschiedenes Ahrenshoop

Eine dieser Künstlerkolonien ist Ahrenshoop. Der Ort ist auf der schmalen, oft nur wenige Hundert Meter breiten Landbrücke Fischland gelegen. Bis heute ist der 700-jährige Ort geprägt von Fachwerkkaten mit Schilfrohrdächern.

Neben dem feinen Sandstrand ist es vor allem die Kunst, die jährlich die Ostsee-Besucher hierher lockt. Etwa in den „Kunstkaten“, eine 1909 errichtete, heute restaurierte Galerie. In strahlendem Königsblau und standesgemäß mit Rohrdach. Hier werden sowohl die Werke zeitgenössischer Künstler als auch „Klassiker“ gezeigt. Darunter ist etwa Elisabeth von Eicken, die Ahrenshoop ab 1894 häufig von Berlin aus besuchte. Ihre Ölgemälde zeigen Fischerkaten im Schnee oder Waldwege an der Boddenküste. Nur vereinzelt sind Menschen darauf zu sehen. Genau diese Abgeschiedenheit schätzten die Künstler. Und waren es doch schließlich selbst, die die Touristen anzogen. Denn um 1900 etablierte sich in Ahrenshoop der Badebetrieb. Schließlich begann das erfolgreiche Nebeneinander von Sandstrand und Leinwand.

Sandstrand und Leinwand

Hiddensee ist die abgeschiedenste der mecklenburg-vorpommerischen Künstlerkolonien. Noch immer sind Kutschen und Fahrräder die einzigen Fortbewegungsmittel. „Hiddensee war im Gegensatz zu den anderen Kolonien mehr ein Regenerationsraum für die Künstler“, sagt Kurdirektor Alfred Langemeyer. Um ein wenig verschwörerisch hinzuzufügen: „Die waren hier eher zum Partymachen als zum Malen.“ Auch die Schriftsteller genossen das leichte Leben. So gehörte zum Sommerhaus des Literaturnobelpreisträgers Gerhart Hauptmann ein stets gut gefüllter Weinkeller. Und Hauptmann war der treueste der vielen prominenten Inselgäste. Zu denen auch Hans Fallada, Käthe Kollwitz, Joachim Ringelnatz und die Tänzerin Gret Palucca zählten. Palucca und Hauptmann haben sogar ihre letzte Ruhe auf Hiddensee gefunden.

Text und Bild: Kaspar Heinrich