Winterschwimmen ist nichts für Warmduscher – aber es stärkt das Immunsystem und macht angeblich glücklich

Das Thermometer zeigt eine einstellige Zahl. Es regnet – wie so häufig in die­ser Jahreszeit. Doch eine ganze Reihe Unerschrockener hält es nicht davon ab, das zu tun, was sie tun müssen: Sie lassen ihre warmen Jacken, Hosen und Pullover am Ufer zurück, um mit spitzen Zehen ins kalte Was­ser zu tauchen. Und das, ohne vorher in der Sauna gewesen zu sein. Schon nach wenigen Sekunden kommen die Ersten wieder heraus. Ihre Haut ist krebsrot, doch sie sind glücklich. Die Winterbader genießen das Kribbeln auf der Haut und das erhebende Gefühl, sich zu etwas ganz Großem überwunden, ihre Grenzen überschritten zu haben.

Win­terbaden als Volkssport

In den osteuropäischen Ländern ist Win­terbaden ein Volkssport. Auch Goethe hack­te im Winter ein Loch in das Eis des Flüs­schens Ilm bei Weimar und genoss es, darin zu baden. Karl der Große soll ebenfalls ein passionierter Eisschwimmer gewesen sein. Von den alten Germanen heißt es, sie ha­ben ihre Neugeborenen in die kalten Wel­len gehalten, um sie früh an die Gräuel des nordeuropäischen Winters zu gewöhnen. Auch heute geben sich immer wieder Men­schen den eisigen Fluten hin – ob am Achen­see, auf Rügen oder Usedom.

Was passiert im Körper beim Eisbaden?

Nach wenigen Sekunden im eiskalten Wasser erlebt der Körper einen Temperatur­reiz. Die Temperatur der Haut sinkt drastisch. Der Körper selbst kühlt jedoch nicht aus. Er stellt sich auf die neue Situati­on ein und wandelt die Energie, die er in Form von Kohlehydraten gespeichert hat, in Wärmeenergie um. Die hautna­hen Blutgefäße ziehen sich im eiskalten Wasser zusammen. Um die lebenswichti­gen Organe wie Herz, Leber, Lunge, Nie­ren und Gehirn mit genügend Blut und Sauerstoff zu versorgen, reduziert sich der Blutfluss in den Extremitäten wie Armen, Beinen und Haut. Somit fällt die Temperatur auf der Haut zwar ab, wäh­rend die Körpertemperatur bei 37 Grad bleibt. Wärmt sich der Körper nach dem Bad wieder auf, weiten sich Venen und Arterien wieder. Das Gute: Wer regelmä­ßig in die kalten Fluten taucht, hält seine Blutgefäße geschmeidig.

Eisbaden stärkt das Immunsystem

Neujahrsbaden Kühlungsborn

Beim traditionellem Neujahrsanbaden stürzen sich die Mutigen in die eisigen Fluten der Ostsee.

Die Liste der gesundheitlichen Vorteile des Eisbadens ist lang: Nach fünf Jah­ren Winterbaden halbiert sich die Zahl der Arztbesuche. Erkältungskrankheiten sind unter Eisschwimmern weitaus sel­tener als bei Menschen, die an der Hei­zung und unter einer Wolldecke über­wintern. Natürlich schützt Winterba­den nicht vor grippalen Infekten, doch erwischt es Eisbader viel seltener und weniger stark. Wer sich im Winter der all­gemein besser auf Temperaturschwan­kungen ein, friert und schwitzt nicht so leicht bei Extremen. Allerdings ist Eis­baden nur dann gesund, wenn man es richtig macht.

Gesund muss man sein

Schließlich ist dieser Kältesport nicht je­dem uneingeschränkt zu empfehlen. Ge­sund muss man sein. Unerfahrene sollten sich langsam an die niedrigen Temperatu­ren gewöhnen. Vor dem Bad ist es wichtig, sich warm zu turnen: mit einem kleinen Dauerlauf, Liegestützen oder Gymnastik. Über den Kopf entweicht sehr viel Wär­me, also empfiehlt sich das Tragen einer Mütze. Auch Hände und Füße kühlen besonders schnell aus. Die Hände sollten daher an der Luft bleiben, Neoprenso­cken schützen die Füße. Ein Bad von drei bis fünf Minu­ten reicht für die Stärkung der Abwehrkräfte aus. Bei einem länge­ren Bad droht Unterkühlung. Also schnell wieder zurück ans Ufer, das Handtuch schnappen, gründlich trocken rubbeln und warme Kleidung anziehen – herrlich!

4 Tipps für ein eiskaltes Bad

Gesellschaft: Gehen Sie niemals alleine ins eiskalte Wasser.

Kopfbedeckung: Tra­gen Sie eine Mütze auf dem Kopf und Neoprensocken an den Füßen.

Training: Gewöhnen Sie sich langsam ans Frostbaden, indem Sie bereits ab September damit beginnen.

Danach: Joggen Sie eine Runde, wenn Sie aus dem Wasser kommen. Das hilft Ihnen, wieder warm zu werden.

Studien haben gezeigt, dass das Bad im Winter nicht nur abhärtet, son­dern auch gute Laune bereitet: Der Tem­peraturschock setzt Adrenalin und En­dorphine frei. Dennoch kostet es die Eisbader auch beim nächsten Mal Überwin­dung. Doch eines ist tröstlich: Kälter als null Grad wird das Wasser wirklich nie.

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