Das Segel steht im Sturm. Die Ostsee tobt – Windstärke sechs aus West bis Nordwest. Skipper Jan kämpft mit Wind und See. „Klar zur Wende“, ruft der Rostocker. Die Acht-Mann-Besatzung der „Utsider“, in Ölzeug gepackt und mit Schwimmwesten über der Brust, hechtet von Backbord nach Steuerbord. „Eine Hand für das Schiff, eine für sich selbst“, lautet die wichtigste Regel beim Segeln. Der Racer legt sich in Schieflage, sodass die Reling das Wasser berührt. Alle setzen sich auf die hohe Kante und lassen die Beine baumeln. Das Boot geht in die Waagerechte zurück. Manöver geschafft, alle Mann an Bord.

Am Horizont ist der Hafen des Seebads Kühlungsborn zu sehen, die weiße Silhouette von Heiligendamm leuchtet über dem Meer. Warnemünde im Rücken, kreuzt der Rennsegler die zwölf Seemeilen mit zwölf Knoten die mecklenburgische Küste entlang, über 30 Knoten hat er auf Regatten schon erreicht, doch heute wird eine gemütliche Tour gefahren. Die mecklenburgische Ostsee ist ein Trend-Segelrevier und einer der schönsten Flecken Europas. Navigator Kristof, ein sportlicher Bursche, der sonst als Flugkapitän große Airbusse durch die Lüfte lenkt, packt die mitgebrachten Käsebrötchen, Zwieback und Getränke aus. Auch wenn einigen noch etwas flau im Magen vom Segeln ist, stärkt sich die Crew, bevor sie die Segel einholt und die Einfahrt der Marina Kühlungsborn ansteuert.

Segeln mit großartigen Törns

Während die Leinen festgemacht werden, nicken die Dauerlieger im Hafen anerkennend von ihren Jollen hinüber. Die „Utsider“, in Neuseeland gebaut, ist mit einer Länge von 14 Metern und Masthöhe von 22 Metern ein stattlicher Segler, der Regatten wie den Pacific Cup von San Francisco nach Hawaii und das Toba Pearl Race in Japan gefahren ist. Heute manövriert eine junge Crew des Warnemünder Segelclubs das Boot durch die Ostsee.

Die Kühlungsborner Marina, die erst 2005 entstand, verzeichnet täglich rund 200 Schiffsankünfte. Das hiesige Segelrevier ist eines der schönsten und abwechslungsreichsten der Ostsee. Der fast gerade Küstenverlauf, ideale Strömungsverhältnisse und sichere Wassertiefen versprechen großartige Törns auf beliebigen Kursen – das sah auch das Nationale Olympische Komitee so, als es Rostock-Warnemünde zum Bewerberort für die Olympischen Segelregatten 2000 und 2012 auswählte. Dabei lag die mecklenburgische Küste bis vor einigen Jahren für Freizeitsegler noch ziemlich brach, nach Häfen suchte man weitgehend vergeblich. Zwar hatte auch die DDR eine maritime Tradition mit Segel-Nationalmannschaft und Warnemünder Woche, die seit 1926 jährlich stattfindet, doch die Ostsee war bis zur Wende 1989 Grenzgebiet und für privaten Bootsverkehr gesperrt. Mittlerweile kann sich die Küste aber sehen lassen. In den letzten Jahren sind von Rostock bis Boltenhagen elegante Marinas entstanden, die sich wie Perlen auf einer Kette an den Stränden aneinanderreihen.

Bunt gestreifte Strandkörbe

Der 5-Sterne-Yachthafen 
Hohe Düne in Warnemünde
 etwa – Ausgangspunkt des Törns
– bietet Vollkomfort mit Waschmaschine, Internet und Brötchenservice. Und auch Ostseebäder wie etwa das altehrwürdi
ge Kühlungsborn lohnen einen
 Landgang. Helle Strandvillen im Stil mondäner Bäderarchitektur säumen die Ostseeallee von der Seebrücke in Ost bis nach West. Wo um 1880 die ersten Badegäste des Ortes noch streng nach Damen und Herren getrennt schwammen, trotzen heute bunt gestreifte Strandkörbe Sonne, Sand und Wind. Die Familie des Strandkorb-Erfinders Wilhelm Bartelmann, Hof-Korbmeister in Rostock, betreibt seit 1903 ein Geschäft in der Stadt.

Am frühen Nachmittag erreicht der Racer die „Weiße Wiek“ auf der Halbinsel Tarnewitz bei Boltenhagen. Die Marina schließt eine wichtige Lücke zwischen den Jachthäfen Lübeck-Travemünde und Wismar. Fahrtensegler können nun in bequemen Tagestouren die Küste entlangschippern. „Unweit von Boltenhagen im Naturschutzgebiet Lieps“, erzählt Hafenmeister Hasko Braake, „kann es vorkommen, dass Ihnen Robben beim Picknick zusehen.“ Am Vormittag war perfektes Segelwetter mit Windstärken zwei bis drei. Die Schwimmwesten blieben eingepackt. In einer zart kräuselnden Ostsee glitzerten die Sonnenstrahlen. „Eine Hand für das Schiff, eine für sich selbst.“ Die sportlichen Anstrengungen eines Segeltörns bleiben im Kopf, auch wenn der Körper die verdiente Pause genießt.

 

Text: Susan Mücke
Bild: Promo Utsider / Alexander Babic