Nur der eigene Atem ist zu hören. Und das leise Knirschen des Schnees. Durch tiefverschneite Tannenwälder, vorbei an Spuren von Hasen, Rehen und Gämsen, nähert man sich der Baumgrenze und der offenen Gipfelwelt. Das Klacken ist längst seltener geworden, dafür geht der Atem schneller. Dennoch: Der Grat zum Kreuz muss noch bezwungen werden, danach belohnen jungfräuliche Tiefschneehänge für die Mühen des Aufstiegs. Wer Skitourengehen mit persönlicher Herausforderung in exklusiver Bergeinsamkeit verbindet, findet am Achensee echte Traumreviere. „Bei uns gibt es Gebiete, in denen man oft stundenlang keiner Menschenseele begegnet“, verrät Bergführer Andreas Nothdurfter. Der Mittdreißiger ist schon seit Kindertagen in der Bergwelt unterwegs. Ihm sind auch die Hänge im Rofan- und im Karwendelgebirge bestens bekannt. Er arbeitet für ein Unternehmen, das sich auf Skitouren-Ausrüstung spezialisiert hat. Er berät beispielsweise Fachhändler, unternimmt mit ihnen Touren – und hat damit sein Hobby zum Beruf gemacht.

Außerdem arbeitet er, wann immer es ihm möglich ist, als Bergführer für Touristen. Je nach Wetter, Wind, Schneelage und persönlichen Voraussetzungen seiner Teilnehmer wählt der staatlich geprüfte Ski- und Bergführer die passende Tour aus. Bei Anfängern sind das leichtere Strecken, bei denen die Rückkehr relativ einfach ist. „Mit Beginnern fahre ich auf jeden Fall ein gutes Stück mit der Seilbahn hoch“, erklärt Nothdurfter. Das steigere die Motivation. Weil die Teilnehmer relativ rasch mit einem tollen Blick über die einsame verschneite Berglandschaft belohnt werden. Nach zwei bis drei Stunden geht es dann zurück. Mitmachen könne praktisch jeder, der konditionell einigermaßen fit ist, Skierfahrung hat und kein Problem mit der Höhe habe.

Skitourengehen auch für Jüngere

Als eines der Ziele für Anfänger eignet sich beispielsweise die Seekarlspitze (2 261 Meter). Mit der Rofanseilbahn in Maurach schwebt man zur Bergstation, von wo aus nur noch 460 Höhenmeter zu bewältigen sind. Den Skiern werden die Felle übergezogen und der Aufstieg beginnt: Das erste Stückchen führt entlang der Piste. Wenn man den Anfängerlift hinter sich gelassen hat, geht es über die Gruberstiege weiter Richtung Rosskopf zur Seekarlspitze mit ihrem breiten Gipfeltrapez. Wem das Tiefschnee-Abenteuer auf dem Weg zu anstrengend ist, kann sich anschließend entspannt auf der Piste einfädeln, um das Tal zu erreichen. Eine wichtige Voraussetzung für das Skitourengehen ist, dass man die Abfahrt beherrscht. Auch Vorkenntnisse beim Skifahren im freien Gelände sollten vorhanden sein. Während die Skier auf dem Weg nach oben mit Morhair-Fellen versehen werden und hinten geöffnet sind, um den Aufstieg zu erleichtern, werden sie für den Weg nach unten an den Fersen verriegelt und damit zu ganz normalen Abfahrtsskiern.

Andreas Nothdurfter hat das Skitourengehen vor etwa 20 Jahren für sich entdeckt. Die Sportart gibt es schon lange. Doch während sie früher etwas abfällig als Aktivität für Ältere oder solche, „die 
zu geizig für den Lift sind“, betrachtet wurde, ist das Skitourengehen heute auch bei Jüngeren beliebt. „Viele Menschen
haben genug von vollen Pisten
 und Après-Ski-Partys“, sagt Nothdurfter. „Sie sehnen sich nach Ruhe, wollen die Bergwelt genießen und freuen sich dann auf die eine, schöne Abfahrt.“

Gute Tourenplanung ist wichtig

Als Gewinner der Bergführer-Weltmeisterschaft im Zillertal 2010 sucht der Skiführer in seiner Freizeit durchaus die Herausforderung. Im Jahr absolviert er rund 100 000 Höhenmeter und macht etwa 100 Touren pro Winter. Zum Vergleich: Ein „normaler“ Skitourengeher bringt es auf circa 30 bis 50 Touren. Zu seinen persönlichen Favoriten gehört die Rappenspitze (2220 Meter). Sie türmt sich majestätisch im Alpenpark Karwendel auf, dem größten Schutzgebiet der Nördlichen Kalkalpen. Mit dem Auto fährt man zunächst von Maurach über die Mautstraße in die Karwendeltäler bis zur Falzturmalm. Hier beginnt der Aufstieg durch einen lichten Bergwald zur Dristlalm. Nach dem Dristlkopf heißt es, durch anspruchsvolles Gelände zum steilen Nordosthang zu queren, von dem aus man direkt auf die Rappenspitze mit ihrem markanten Sattel blickt. Wer mag, ruht sich ein wenig aus. Wer noch Kondition hat, lässt die Skier stehen und erklimmt den Gipfel ohne Bretter. Mit wieder angeschnallten Skiern kann dann die Tiefschneeabfahrt durch unverspurtes Gelände beginnen.

Bei aller Begeisterung für unberührte Hänge darf die Tourenplanung niemals vernachlässigt werden. Die überlässt man besser einem erfahrenen Bergführer. Der kennt Schneeverhältnisse und Lawinengefahr. Auch ein Notfallset, das unter anderem Schaufel, Lawinensonde, Verbandszeug, Wechselkleidung und Proviant enthält, muss immer dabei sein. „Selbst wer fünf Winter hintereinander jeweils vierzig Skitouren läuft, ist noch kein Profi auf dem Gebiet“, sagt Nothdurfter. Dazu seien entsprechende Kurse und Ausbildungen nötig. Übrigens können auch Nicht-Skifahrer die schöne Bergwelt am Achensee erleben: bei geführten Schneeschuhwanderungen an.

 

Texte: Cornelia Wolter
Bild: Achensee Tourismus