Mit einem surrenden Geräusch setzt sich die elektrische Eisenbahn in Bewegung und zuckelt zu einem der Tische. Auf den Ladeflächen ihrer Waggons kommen ein Glas Mineralwasser und ein Bier angefahren. Hinter dem Tresen drückt Gastwirt Jörg Gleissner grinsend die Stopp-Taste. Der kleine Zug hält an, die Gäste kichern begeistert. Diebisch wie ein Junge freut sich Gleissner jedes Mal aufs Neue, wenn diese Art des Services für Heiterkeit sorgt. Außerdem ist ihm die Bahn auch eine echte Hilfe. Schließlich ist er in seinem Restaurant „Stellwerk“ im Bahnhof Heringsdorf oft Kellner, Gastwirt und Koch in einer Person. „Schon als kleiner Junge kam ich immer sonntags nach der Kirche mit meinem Großvater hierher“, sagt Gleissner. Er ist in Ahlbeck aufgewachsen und betreibt die Gaststätte seit einigen Jahren.

Die beste Flunder kommt aus Ahlbeck

Sie erinnert an einen gepflegten Pub und ist eine Mischung aus Gaststätte und Museum: Echte Zugabteile bilden kleine Separees, hier und da stehen Schaufensterpuppen. Sie tragen aktuelle und alte Mode, an den Wänden hängen Fotos, Aktienpapiere der Bahn und historische Plakate. Im eigentlichen Gastraum stehen Originalzugabteile aus den 1930er-Jahren aus edel glänzendem Holz, alte Koffer und Hutschachteln dienen als Dekoration.

Gleissner hat lange in größeren Hotels und Restaurants als Küchenchef gearbeitet, auch im Ausland. Hier im „Stellwerk“ geht es ruhiger zu. So hat er Zeit, nach alten Rezepten und Gerichten zu stöbern. Denn in seinem Restaurant serviert er die sogenannte Neue Pommersche Küche. „Das sind historische Gerichte neu interpretiert“, erklärt er. Auf der Speisekarte stehen beispielsweise Honigkrebse oder geräucherte Flunder mit Zartbitterschokolade. Die historischen Originalrezepte entnimmt er alten Kochbüchern oder Romanen. Hin und wieder liest Gleissner seinen Gästen Textstellen vor, die literarisch zu dem bestellten Essen passen oder er erzählt eine seiner Usedomer Küchengeschichten. Schon Tucholsky habe etwa geschrieben, dass die beste Flunder aus Ahlbeck komme.

Prächtige Villen

Auch Briefe und Romane von Theodor Fontane dienen Gleissner als Inspiration. Der Dichter verbrachte schließlich in Swinemünde und Heringsdorf einige seiner Kindheitsjahre und kehrte auch als Erwachsener regelmäßig nach Usedom zurück. Fontane wollte dort sogar ein Sommerhaus bauen: „… man hat Ruhe und frische Luft und diese beiden Dinge erfüllen Nerven, Herz und Lungen mit einer stillen Wonne“, schrieb er seiner Frau 1863 aus dem Sommerurlaub. Zu diesem Zeitpunkt war die einst kleine Fischerkolonie Heringsdorf längst auf bestem Weg zu einem angesagten Ort zu werden, an dem die Reichen und Mächtigen insbesondere aus Berlin die Sommerfrische verbrachten. Blickt man etwa auf die prachtvollen Villen und Häuser unterschiedlichster Stilrichtungen in der Bansiner Bergstraße, die Bankiers oder Adlige sich dort zur Jahrhundertwende errichten ließen, ahnt man, welcher Prunk und Reichtum zur Jahrhundertwende in den Kaiserbädern Einzug hielt.

Der Glanz der Vorkriegszeit

Wobei Heringsdorf – 1879 zum Seebad ernannt – das mondänste war. „Im März kam das Personal, um alles herzurichten, im Sommer folgten dann die Herrschaften“, sagt Gleissner. Nur zu gern schmückten sich die Reichen damals auch damit, Künstler bei sich zu beherbergen.

Auch zu DDR-Zeiten blieb Usedom eine wichtige Urlaubsdestination. Hier logierten hohe SED-Politiker und hier verbrachten die unzähligen „Werktätigen“ ihre Ferien etwa in staatlichen Erholungsheimen. Der Glanz der Vorkriegszeit ging freilich verloren. Aber nach der Wende wurden die Villen wieder hergerichtet. Heute sind die Strandpromenaden Usedoms Vorzeigeobjekte prächtiger Bäderarchitektur.

Tucholskys Gedicht

Nur zu gut kann man sich wieder vorstellen, wie Heinrich oder Thomas Mann hier entlang schlenderten. Der kilometerlange weiße Sandstrand, der weite Blick
aufs Meer, die salzige Luft , dazu 
kreischen ein paar Möwen: 
Kreative und lärmgeplagte Großstädter fanden in den Kaiserbä
dern, was ihnen in Berlin fehlte.

Wenn der Berliner Liedermacher Toni Mahoni heute über Usedom singt „Mensch, dit Meer liegt vor de Tür (…) wir ham ne eigene Badewanne jenau vor unser Tür“, greift er eine Redensart auf, die schon Anfang des 20. Jahrhunderts verbreitet war. Damals galt nämlich Ahlbeck als „die Badewanne von Berlin“. Heinrich Mann wiederum nannte einen seiner Essays „Heringsdorf, Vorort Berlins“. Über seinen Urlaub notierte er: „Wir haben den letzten Teil (des Sommers) in Heringsdorf verbracht, es war trostreich, ich glaube, wieder erholt zu sein.“ Und in dem Gedicht „Das Ideal“ aus dem Jahr 1927 erträumt sich Kurt Tucholsky, der in den Sommern 1921 und 1922 auf Usedom war: „Eine Villa im Grünen mit großer Terrasse, vorn die Ostsee, hinten die Friedrichstraße“.

Literarisch inspirierend

Thomas Mann trieb wohl eine Schaffenskrise nach Usedom. Mit Erfolg: Hier beendete der Schriftsteller im Sommer 1924 seinen großen Roman „Der Zauberberg“. Und hier soll er sich nach jahrelangem Zerwürfnis auch mit seinem Bruder Heinrich wieder versöhnt haben.

Maxim Gorki wiederum kam 1922, um eine Tuberkulose auszukurieren. Heute ist die „Villa Irmgard“, in der er wohnte, ein Museum. „Sehen Sie, es wurde immer Lücke auf Lücke gebaut“, sagt Eva John, „damit jeder einen unverstellten Blick auf die Ostsee behält.“ Die Gästeführerin kann viele Anekdoten über die Architektur der Häuser und über ihre Bewohner erzählen, Dichter und Denker waren das, Unternehmer und Geschäftsleute oder Schauspieler und Theaterschaffende wie Hans Albers, Heinz Rühmann oder Willy Fritsch.

Leihbücherei und Museum

Wie die Einheimischen den Badetourismus vor 100 Jahren empfanden, erfährt man en passant in dem autobiografischen Roman „Spuren im Sand: Roman einer Jugend“ von Hans-Werner Richter. Darin beschreibt der Mitbegründer der „Gruppe 47“ seine Kindheit in Bansin, wo er mit sechs weiteren Geschwistern aufwuchs, die Mutter wusch zeitweise die Wäsche der Kurgäste. An den bedeutenden Literaturschaffenden erinnert heute das Hans-Werner-Richter-Haus. Es entstand vor gut zehn Jahren und ist in dem ehemaligen Bansiner Feuerwehrhaus untergebracht.

Neben einer kleinen Leihbücherei beherbergt es auch das Münchener Original-Arbeitszimmer Richters sowie verschiedene Kunstwerke, die seine Witwe, Toni Richter, dem Museum vermacht hat, Fotografien und Geschenke, die Richter von Schriftstellern wie Heinrich Böll erhielt, außerdem Original-Grafiken von Günter Grass. Seit dem Tod von Carola Stern im Jahr 2006 erinnert eine kleine Ausstellung auch an die Publizistin und Schriftstellerin, die in Ahlbeck geboren wurde.

Usedomer Literaturtage

Ein noch lebender Autor, der sich der Insel Usedom literarisch verschrieben hat, ist George Tenner. Aufgewachsen in Ahrenshoop verbringt Tenner heute mehrere Wochen im Jahr in Heringsdorf. „Jagd auf den Inselmörder“, „Der Drachen des Todes“ und „Insel der tausend Puppen“ heißen seine drei bislang erschienenen Usedom-Krimis. Sein Kommissar Lasse Larsson geht zum Nachdenken gern auf die Heringsdorfer Seebrücke und kauft seine Brötchen beim Stadtbäcker – etliche der Schauplätze des Romans können Usedom-Urlauber problemlos wiederfinden. „Es ist eine Art, meine Verbundenheit mit der Insel auszudrücken“, sagt Tenner. Auch wenn der Mittsiebziger es literarisch nie zu Weltruhm bringen wird, so wurde ihm bereits – wie sonst nur den ganz Großen und denen erst nach ihrem Tod – eine grüne Gedenkplakette gewidmet. An dem Haus im Fischerweg 9a in Heringsdorf ist zu lesen: „In diesem Haus vollendete George Tenner in den Monaten Februar/März 2006 seinen ersten Usedom-Roman „Jagd auf den Inselmörder“.

Das große schriftstellerische Erbe der Insel pflegen die „Usedomer Literaturtage“. Sie sind mittlerweile eine feste Institution im europäischen Literaturbetrieb. Neben einem Preisgeld von 5000 Euro wird dem Gewinner eine ein vierwöchigen Aufenthalt auf Usedom ermöglicht – so soll die literarische Tradition, wie sie einst Gorki, Mann und Fontane begründeten, fortgesetzt werden.

Text und Bild: Cornelia Wolter