Wernigerode: Sagenhaft und mystisch ist der Harz, das liegt auch daran, dass so viele ­Dichter über ihre Wanderungen durch das urwüchsige Mittelgebirge geschrieben haben.

Ausgerechnet Liebeskummer war es, mit dem sich Johann Wolfgang von Goethe im Harz beschäftigen musste. Er reiste 1777 unter einem Pseudonym nach Wernigerode; der „Werther“ hatte ihn längst berühmt gemacht. Unter dem Vorwand, einen liebeskranken Leser namens Plessing aufzusuchen, der wie so viele junge Männer seiner Generation nach der Lektüre von „Die Leiden des jungen Werthers“ von einer depressiven Verstimmtheit befallen worden war, -reiste der Dichterfürst nach Wernigerode und besuchte den jungen Mann im Oberpfarrkirchhof 12.

Besteigung des Brocken

Tatsächlich allerdings wollte sich Goethe selbst über seinen weiteren Lebensweg klar werden, denn auch er war unglücklich verliebt, nämlich in Charlotte von Stein. Die Besteigung des Brocken, die in der damaligen Zeit einem alpinistischen Wagnis glich – zumal Goethe die Tour im Winter unternahm –, erschien ihm in dieser seelischen Verfassung die passende Herausforderung. Und er fand Gefallen daran: Mindestens zwei Mal noch bestieg Goethe in den folgenden Jahren den Brocken.

Heute können Besucher den ungefähren Weg, den er beim ersten Mal einschlug – der genaue Verlauf ist nicht bekannt –, entlangwandern. Der neu ausgebaute „Goetheweg“ ist freilich gänzlich ungefährlich und zählt als Teil des Harzer Hexenstiegs zu einem der beliebtesten Wanderwege der Region. Auf rund acht Kilometern Strecke führt er vom Torfhaus hinauf bis auf den Brocken.

Wasserfälle, dichte Wälder und mächtige Felsformationen – es ist verständlich, dass der urwüchsige Harz Dichter inspiriert. Auch Heinrich Heine erging es so. Und nach ihm ist hier ebenfalls ein Wanderweg benannt: nämlich die Route, die Heine im September 1824 wählte, um vom Brocken hinabzusteigen in Richtung Ilsenburg.

Liebeskummer als Antrieb

Die Lektüre von Heines -„Harzreise“ wiederum brachte den 26-jährigen Hans Christian Andersen dazu, in den Harz zu reisen. Auch den Dänen plagte Liebeskummer. Und auch er bestieg den Brocken. „Wer einmal im Traum über die Erde geschwebt ist und die Länder, mit Städten und Wäldern, tief unter sich gesehen hat, der hat eine entfernte Vorstellung von dieser unbegreiflichen Herrlichkeit“, notierte er begeistert und befand: „Es war eine Traumwelt der Phantasie, die hier lebendig vor mir lag.“ Für ihn jedenfalls war es der Beginn einer schriftstellerischen Laufbahn.

Mittelalterliches Flair

Melancholie und Liebeskummer sind heute zum Glück nicht mehr die ausschlaggebenden Gründe, in den Harz zu reisen. Im Gegenteil: Wernigerode mit seinem mittelalterlichen Flair, den liebevoll restaurierten Fachwerkhäusern der Altstadt und dem märchenhaften Schloss auf dem Hügel, zu dem man etwa mit der Kutsche hinauffahren kann, zieht
etliche Hochzeitswillige an. Rund 70 Prozent der Brautpaare, die sich im Wernigeröder Rathaus das Ja-Wort geben, kommen von außerhalb, manche reisen sogar aus dem Ausland an – wenn das die liebeskranken Dichter noch erleben dürften!

Übernachten: Travel Charme Gothisches Haus
Marktplatz 2, 38855 Wernigerode, Tel. 49 (0) 3943 / 639 006

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