Erstmal die Stöcke auf die richtige Länge einstellen, bis der Ellbogen im rechten Winkel steht. Beim Wandern bergauf können sie ruhig etwas kürzer sein. „Die nehmen 15 Prozent der Belastung von den Gelenken, ich habe sie immer dabei“, sagt Guide Markus. Er zeigt, wie man von unten durch die Schlaufe den Griff umfasst, den Stock schön nah am Körper aufsetzt und sich mit ordentlich Schwung abstößt. „So trainiert man auch Arme und Schultern etwas mit.“ Es ist ein sonniger Samstagvormittag, Kühe grasen auf Almwiesen. Wir sind hier, um zu lernen, wie man richtig wandert, zehn Leute in kurzen Hosen und Wanderstiefeln. „Viele verschätzen sich am Berg und sind schlecht vorbereitet“, sagt Markus. Gerade Flachländer wie wir, die nur einmal im Jahr die Wanderschuhe schnüren, aber meinen, alles zu wissen.

Prinzip Zwiebelschale

Es fing schon mit der Ausrüstung an, bei strahlend blauem Himmel war die Regenjacke im Hotelzimmer geblieben, Taschenlampe und Proviant ebenso, da wir am Berg einkehren und lange vor Einbruch der Dunkelheit zurück sein wollten. Markus hingegen ist auf alle Eventualitäten vorbereitet, er hat sogar Mütze und Handschuhe im Rucksack, und ein Reserve-T-Shirt, dass er an zieht, wenn er verschwitzt oben
 ankommt und eine längere Pau
se macht. „Um nicht auszuküh
len, sonst ist eine Erkältung vorprogrammiert“, sagt er.

Im Tal
 hat er uns am Morgen aufgezählt,
 welche Ausrüstungsgegenstände unerlässlich sind – angefangen bei festen, knöchelhohen Bergwanderstiefeln, die man bergauf etwas lockerer bindet und abwärts schön fest. Eine gute Wanderkarte im Maßstab 1:25000, Sonnenschutz, Handy, Erste-Hilfe-Set, Trillerpfeife – sechs Signale in der Minute in Notsituationen – und warme Kleidung nach dem Prinzip Zwiebelschale. Denn pro 100 Höhenmeter nimmt die Temperatur zwischen einem halben und einem Grad ab. Auch an einem sonnigen Tag wie heute. „Wenn unten nur ein leichter Wind geht, kann es oben schon ein Sturm sein“, ermahnte er uns, um dann zu sagen, was er noch öfter sagen wird: „Man muss Respekt haben vorm Berg!“

Moos als Wegweiser

Markus hält immer wieder an für kurze Lektionen. Etwa, um zu erklären, wie man eine Karte einnordet, wenn man keinen Kompass hat und die Sonne hinter den Wolken steht. „Moos“, sagt er. „Steine und Bäume sind auf der Nordseite bemoost, das kann ein Hilfsmittel sein.“

Manche seiner Lektionen scheinen selbstverständlich, doch man ertappt sich dabei, dass man sich gerade deshalb häufig nicht daran hält: Bei Serpentinen keine Abkürzungen zu nehmen zum Beispiel, um Erosion vorzubeugen, lose Steine nicht ins Rollen zu bringen, darauf zu achten, den Oberkörper nicht krampfhaft vom Abhang weg zu beugen, sondern andersherum: Die Knie zum Hang und den Oberkörper etwas hinaus beugen, um das Gleichgewicht besser zu verteilen. Und natürlich nicht auf rutschige Steine oder Wurzeln zu treten. „Ist zwar eh klar, aber gehört auch a’mal gesagt!“ Immerhin passieren Wanderern nach Skiläufern die meisten Unfälle am Berg, viele knicken um oder stürzen. „Unsere Bergwacht ist auch im Sommer gut beschäftigt“, sagt Markus.

Wandern im Seemannsgang

Wir kommen an die steilste Stelle: Ein glatter Felsen, der über einige Meter ansteigt. Wir sollen in Ruhe entscheiden, wo der beste Weg verläuft. Der kürzeste stellt sich als matschig heraus, und man würde ziemlich tief fallen. Markus schlägt eine Passage vor, die auf den ersten Blick schwieriger erscheint, bei der man aber einen guten Tritt und Halt am Felsen hat. Später wandern wir durch ein Latschenkieferwäldchen hinab, und zwar im Seemannsgang, wie Markus es uns geraten hat, etwas breitbeinig und federnd, die Wanderstöcke dabei am Knauf greifen und ruhig etwas weiter vom Körper aufsetzen, das geht ganz gut.

Dann ist Zeit für die letzte Lektion: Wegzeit beim Wandern korrekt Berechnen. Markus breitet eine Karte aus und erklärt uns die Faustregel: Eine normale Gruppe schafft vier Kilometer oder 400 Höhenmeter bergauf in der Stunde. Das heißt aber keinesfalls, dass 800 Höhenmeter auf vier Kilometer Wegstrecke zwei Stunden dauern würden. „Dafür gibt es eine Formel“, sagt Markus. „Einfach den kleineren Wert halbieren und mit dem größeren addieren.“ Also zwei Stunden für 800 Höhenmeter plus eine halbierte Stunde für vier Kilometer, macht zweieinhalb.

Bei der nächsten Wanderung sind bestimmt alle besser vorbereitet.

Bild: Tourismusverband Stubai Tirol