Ein Spaziergang durch Wernigerode und Quedlinburg

Fast meint man, auf eine ­Postkarte zu schauen anstatt auf ein ­reales Gebäude. Perfekt restauriert und wie gemalt sieht das Rathaus in der his­torischen Altstadt von ­Wernigerode aus. Die beiden schmalen Türme, die aus den Erkern der Giebelfront spitz in den Himmel ragen, ziehen die Blicke der Besucher auf sich. Alle Besucher von Wernigerode, kommen wahrscheinlich mindestens einmal an dem Figurenensemble des Rathauses vorbei. Schließlich ist das Rathaus eine der wichtigsten Sehenswürdigkeiten des Ortes.

Zentrale Anlaufstelle Schloss Wernigerode

Was schon jahrhundertelang Dreh- und Angelpunkt für die Stadtherren und Bewohner war, bleibt auch ­heute eine zentrale Anlaufstelle. Mit etwas Glück kann man sogar frisch getraute Hochzeitspaare beobachten, wie sie die Rathaustreppe hinunterschreiten. Oft fahren sie danach zum Schloss Wernigerode – ein Abstecher, der sich auch ganz unabhängig vom Beziehungs­status lohnt.

Mit der Schlossbahn hinauf

Direkt vom Markt zum Schloss fährt die traditionelle Bimmelbahn. Auf dem Weg zur Haltestelle hinter dem Rathaus kann man einen schönen Schnappschuss machen: von der Blumenuhr, auf der die Zeiger inmitten von Stiefmütterchen, Tagetes und Veilchen weiterwandern.
Gleich mehrere Stationen im historischen Stadtzentrum steuert die Schlossbahn an. Am besten unternimmt man die Fahrt gleich am Anfang des Urlaubs, denn die Tour durch die verwinkelten Gassen vorbei an Fachwerkhäusern stimmt perfekt auf die Kulturwelt des Harzes ein. Wer es sportlicher mag, kann den Hügel, auf dem das Schloss liegt, auch zu Fuß oder mit dem Rad erklimmen.

Oben angekommen, ist der steile Anstieg schnell wieder vergessen, denn das märchenhafte Bauwerk mit seinen unendlich vielen Details zieht einen in seinen Bann. Sein heutiges Aussehen erhielt das Schloss maßgeblich im 19. Jahrhundert, als Graf Otto zu Stolberg-Wernigerode, eine wichtige Persönlichkeit unter Otto von Bismarck, umfangreiche Umbauarbeiten in Auftrag gab. Elemente aus früheren Bauphasen blieben dabei erhalten, sodass heute sowohl spätgotische Vorhangfenster als auch Treppen aus der ­Renaissance und die im Barock ­geschaffene Form der Rundburg zu erkennen sind – ein Grund, warum das Schloss so märchenhaft-verwunschen wirkt.

Wernigeröder Schlossfestspiele

Besonders in Szene gesetzt wird die baugeschichtliche Zeitreise während der Wernigeröder Schlossfestspiele. Dabei wird vom 28. Juli bis zum 1. September 2018 der Innenhof zur Opern-Kulisse – in diesem Jahr übrigens für „Rigoletto“ von Giuseppe Verdi. Und die Wandelkonzerte führen das Publikum durch original historisch eingerichtete Schlossräume und dabei durch mehrere musikalische Epochen. Auch jenseits der Schlossfestspiele kann man das Bauwerk bei Museumsrundgängen und Führungen kennenlernen.

Geschichte pur in Quedlinburg

Bei all den Highlights im Inneren des Schlosses sollte man jedoch nicht versäumen, den Ausblick, zum Beispiel auf der Schlossterrasse, zu genießen. Die Anlage thront etwa 120 Meter über der Stadt, und von hier oben erschließt sich sofort, warum der Schriftsteller Hermann Löns einst die Charakterisierung Wernigerodes als „bunte Stadt“ prägte. Aus einer ganz neuen Perspektive lässt sich nun überlegen, ob der nächste Ausflug ins Harzmuseum, ins Schiefe oder doch ins ­Kleinste Haus führen soll.

Bummel durch die Gassen

Noch mehr Fachwerk-Feeling gibt es in Quedlinburg. Beim Bummel durch kopfsteingepflasterte Gassen und mit den prächtigen Fassaden links und rechts ist einem, als wandele man durch die Geschichte, so dicht drängen sich hier die als Denkmäler ausgewiesenen Häuser. Rund 800 einzelne sind es, darunter auch das Geburtshaus des Dichters Friedrich Gottlieb Klopstock. Malerisch ist jedes für sich, auch die Villen aus der Gründerzeit und im Jugendstil. Aus acht Jahrhunderten stammen die historischen Bauwerke in der Altstadt. Sie machen Quedlinburg nicht nur zu einem der größten Flächendenkmäler Deutschlands, sondern seit 1994 auch zum UNESCO-Weltkulturerbe.

Quedlinburger Dom

Und die Stadt beherbergt sogar einen echten Schatz: Majestätisch erhebt sich auf dem Schlossberg die ­Stifts­kirche St. Servatius – auch Quedlinburger Dom genannt. Das ­imposante Äußere der romanischen Kirche, die ab 1070 entstand, wie auch die wuchtigen Säulen und hohen Rundbögen im Innenraum sind architektonisch inte­ressant. Doch viele Besucher kommen wegen des Domschatzes – einem der bedeutendsten in ganz Deutschland. Tritt man aus dem mächtigen Kirchenraum in die Schatzkammer, erscheinen die Stücke umso fragiler und kostbarer: kunstvolle Goldschmiedearbeiten, filigrane Elfenbeinschnitzereien, Kristalle. Und wie es sich für einen echten Schatz gehört, war er schon einmal verschwunden, was die mystische Spannung, die ihn umgibt, noch verstärkt.

Text: Friederike Deichsler

Foto: Travel Charme Hotels & Resorts